Liechtblick im Oktober 2026 - Schwarzdorn / Schlehe


Wachsen beginnt im Stillen
Gedanken und kleine Alltagsimpulse aus unserer Landschaft im Oktober
Wenn die Schlehe sich Zeit lässt
Im Oktober verändert sich unsere Landschaft fast täglich. Morgens liegt erster Nebel über den Wiesen, das Licht wird weicher und an den Waldrändern leuchten zwischen den ersten gelben und braunen Blättern kleine dunkelblaue Früchte. Die Schlehen sind reif. Ich mag diese Zeit sehr. Die Luft riecht anders als noch vor wenigen Wochen und selbst an warmen Tagen ist der Herbst bereits spürbar. Beim Vorbeigehen an einer Schlehenhecke bleibe ich gerne stehen. Die Früchte sehen mit ihrem bläulichen, fast samtigen Schimmer wunderschön aus. Man möchte eine pflücken und probieren. So geschehen letzten Sonntag, als eine Freundin von mir eine kostete. Sie war sich sicher, dass sie gerade Heidelbeeren probiert.
Beim ersten Biss kam die Überraschung. Der Mund wurde trocken, die Zunge fühlte sich plötzlich ganz eigenartig an und das Gesicht verzog sich fast von selbst. Süss und fein ist anders.
Die Schlehe sieht so verführerisch aus und macht gleichzeitig sehr deutlich: Ich bin noch nicht soweit. Traditionell wartete man deshalb gerne auf die ersten kalten Nächte. Danach werden die Früchte milder und weicher. Heute kann auch der Tiefkühler ein wenig nachhelfen. Aber eigentlich gefällt mir die alte Variante des Wartens besser.
Das ist etwas, das wir kaum noch gewohnt sind. Wir ernten, kaufen, bestellen und erwarten, dass alles möglichst schnell verfügbar ist. Die Schlehe hält sich überhaupt nicht an diesen Rhythmus. Sie hängt einfach da, durch kalte Nächte und feuchte Oktobermorgen hindurch. Während um sie herum die Blätter fallen, verändert sich langsam ihr Geschmack, und irgendwann ist dann der richtige Moment gekommen.
Es gibt Dinge, die werden besser, wenn wir ihnen Zeit geben.
Ein Käse darf reifen. Ein Teig darf ruhen. Ein guter Wein braucht seine Jahre. Und manchmal brauchen auch wir länger, bis wir wissen, was wir mit einer Erfahrung anfangen sollen. Nicht alles muss sofort gut schmecken.
Diese Frage nehme ich im Oktober gerne mit:
Was darf in meinem Leben noch ein wenig reifen, ohne dass ich daran ziehe?
Ich finde sie gerade jetzt passend, wenn draussen vieles ein wennig langsamer wird.
Auch in der Küche braucht die Schlehe etwas Zuwendung. Direkt vom Strauch ist sie ziemlich eigenwillig. Verarbeitet zeigt sie eine ganz andere Seite. Ihre kräftige Säure und die feine Herbheit passen wunderbar zu Äpfeln, Birnen, Gewürzen und kräftigem Käse.
Deshalb teile ich heute ein Senfrezept mit euch.
Dunkel, fruchtig, ein wenig herb und mit einer schönen Schärfe, dazu ein Stück Bergkäse und gutes Brot. Mehr brauche ich an einem kühlen Herbstabend eigentlich nicht.
Kleiner Impuls für den Oktober
Beim nächsten Blick auf eine Schlehenhecke denke ich daran, dass Reife ihren eigenen Zeitpunkt hat. Die Schlehe muss sich damit nicht beeilen, und ich vielleicht auch nicht.
Die Schlehen waschen und zusammen mit dem Wasser in einen Topf geben. Bei kleiner Hitze weich kochen, bis die Früchte aufplatzen und sich das Fruchtfleisch gut von den Steinen löst.
Die Masse durch ein feines Sieb oder ein Passiergerät streichen. Die Steine bleiben zurück. Die Senfkörner fein mahlen oder im Mörser zerstossen. Ich lasse gerne einen Teil etwas gröber, weil der Senf dadurch mehr Struktur bekommt. Das Schlehenmus mit Apfelessig, Senfkörnern und Honig zurück in den Topf geben. Langsam erwärmen und unter Rühren einige Minuten einkochen, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist.
Mit Salz und etwas Pfeffer abschmecken.
Noch heiss in saubere Gläser füllen und verschliessen.
Nach einigen Tagen Ruhe verbinden sich die Aromen besser und der Senf wird runder. Serviere Käse, ein feines Brot, Birnen oder Trauben dazu. En Guete!