Liechtblick im Juni 2026 - Holunder


Gedanken und kleine Alltagsimpulse aus unserer Landschaft im Juni
Wenn der Holunder zu blühen beginnt, denke ich an meine Grossmutter. Bei meiner Grossmutter im Appenzellerland stand ein grosser Holunderbaum. Für mich gehörte er einfach zu diesem Ort, so selbstverständlich wie der alte Brunnen vor dem Haus oder die Wiese dahinter. Sobald die ersten Blüten aufgingen, veränderte sich die Luft rund um den Hof. Dieser warme, süsse Duft lag über allem und kündigte für mich den Beginn des Sommers an. Die grossen, hellen Blütendolden hingen weit über den Brunnen hinaus. Ich wollte die schönsten erreichen und kletterte als kleines Kind auf den Brunnenrand, obwohl er nass und rutschig war. Ich erinnere mich noch gut daran, wie stolz ich war, als ich eine besonders grosse Dolde pflücken konnte. Und ich erinnere mich ebenso gut an den Tag, weil ich dabei das Gleichgewicht verlor.
Mit einem falschen Schritt rutschte ich ab und fiel direkt ins Brennnesselfeld neben dem Brunnen. Dort wuchsen die Brennnesseln besonders dicht, weil die Kühe immer am Brunnen tranken und der Boden rundherum so kraftvoll und nährstoffreich war. Als Kind dachte ich natürlich nicht darüber nach. Ich spürte einfach nur dieses sofortige Brennen auf der Haut. Meine Beine, meine Arme, sogar mein Gesicht, alles kribbelte und brannte gleichzeitig.
Meine Grossmutter kam ganz ruhig zu mir. Ohne Hektik, ohne grosses Aufheben. Sie kniete sich neben mich, nahm feuchte Erde vom Boden neben dem Brunnen und begann, den kühlen Dreck vorsichtig auf meine Haut zu streichen. Damals verstand ich nicht, warum sie das tat. Ich weiss nur noch, wie sich ihre ruhigen Hände anfühlten und wie der kühle Boden langsam das Brennen milder machte. Der Geruch von Erde, Wasser, Brennnesseln und Holunderblüten ist mir bis heute geblieben.
Erst viel später wurde mir bewusst, wie natürlich meine Grossmutter mit allem verbunden war. Sie musste nichts erklären oder nachlesen. Sie wusste einfach, was zu tun war. Pflanzen gehörten für sie zum Alltag, genauso wie das Wetter, die Tiere oder die Erde unter den Füssen. Wenn ich heute Holunderblüten sammle, denke ich oft an diese Sommertage zurück. An klebrige Finger vom Sirupmachen, an offene Fenster und daran, wie kurz diese Blütezeit eigentlich ist. Die Holunderblüten sind empfindlich. Nach einem starken Regen verlieren sie schnell ihr Aroma. Man muss den richtigen Moment erwischen, wenn die Sonne warm genug ist und die Blüten ihren Duft voll entfalten. Ich mag diesen Gedanken, weil er mich daran erinnert, wie vieles im Leben nur für einen bestimmten Moment ganz offen ist. Auch heilkundlich tragen Holunderblüten viel in sich. Als Tee werden sie traditionell genutzt, um den Körper beim Schwitzen zu unterstützen und die Atemwege zu entlasten. Gleichzeitig steckt in ihnen etwas unglaublich Leichtes und Sommerliches. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Heilkraft und Erinnerung, die den Holunder für mich so besonders macht.
Impuls für diesen Monat:
Vielleicht gibt es auch für dich eine Pflanze, die sofort Erinnerungen zurück bringt. Einen Duft, der dich plötzlich wieder an einen bestimmten Ort führt oder an einen Menschen erinnert, den du lange nicht mehr gesehen hast? Manchmal liegt in solchen Erinnerungen etwas sehr Kostbares. Nicht nur Nostalgie, sondern ein Gefühl von Verbindung. Zu einem Ort, zu einem Menschen oder zu einer früheren Version von uns selbst.
Der Holunder erinnert mich jedes Jahr daran, wie viel Schönheit in diesen einfachen, fast unscheinbaren Momenten liegt. In einer Blüte am Wegesrand, im Duft eines warmen Nachmittags und in den Dingen, die wir als Kinder vielleicht noch ganz selbstverständlich gefühlt haben.
Du brauchst: Springform 26 cm ø (keine Cakeform, der Teig ist zu schwer)
Guss :
Zubereitung:
Butter, Zucker und Eier schaumig rühren, abgeriebene Zitronenschale und Salz dazu geben. Milch, Mehl, Paidol und Backpulver mischen und unterrühren, bis eine homogene Masse entsteht. Dann die abgezupften Holunderblüten unter die Teigmasse ziehen. Alles in die gut eingefettete und mit Backpapier ausgelegte Form geben.
Backen bei Mittelhitze 180 Grad ca. 50 – 60 Minuten.
Nach dem Erkalten den Guss aus Puderzucker und Holunderblütensirup bestreichen und einige einzelne Blüten zur Dekoration drauf legen. Wenn du keinen Guss machst, ist der Kuchen auch fein mit Schlagrahm! En Guete!